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Verzweiflung als Geschäftsmodell

Auch Andrij gibt an, von Frühjahr bis Herbst 2019 in Deutschland gearbeitet zu haben, für ein anderes Unternehmen als Ali. Sein Fall steht möglicherweise in Zusammenhang mit einem mutmaßlichen Netzwerk organisierter Verbrecher, über das BuzzFeed News bereits berichtet hat. Andrij sagt, er habe in Hamburg mit zehn anderen Männern in einer Art Garage neben einem Haus gelebt. Trotzdem habe er 300 Euro dafür zahlen müssen. Er sei geschockt gewesen von den Wohnbedingungen. Andrijs Name ist geändert, weil er Angst vor den Schleusern hat, die ihn nach Deutschland gebracht haben.

Wir treffen Andrij und seine Frau in einem Café in Dnipro. Sofort als er in Hamburg angekommen sei, habe er anfangen müssen zu arbeiten. In einer Lagerhalle, in der Pakete in Container gepackt worden seien. Alle Männer aus der Garage und dem Haus hätten dort gearbeitet, etwa 30 oder 40 seien es gewesen. Es habe drei Schichten gegeben: Von 6 Uhr bis 12 Uhr, von 14 Uhr bis 22 Uhr und von 22 Uhr bis 6 Uhr. Doch weil es nicht genügend Arbeiter gegeben habe, hätten die Männer teilweise einfach durchgearbeitet. „Es gab zwei junge Männer aus unserer Region, aus Krivoy Rog“, sagt Andrij. „Sie haben mir erzählt, dass sie nach dem Schichtdienst entscheiden mussten: Entweder essen oder schlafen.“ Für beides sei keine Zeit gewesen.

Andrij sagt, er sei nur eine Nacht geblieben. Am Tag darauf habe er dem Mann, der ihn rekrutiert habe, gesagt, dass er gehen will. Alex habe der geheißen, sagt Andrij. Und dass er Europameister im Boxen gewesen sei. Das hätten ihm die anderen Männer erzählt. Es könnte sich um Alexander Alexeev handeln, über dessen mutmaßliche Verwicklung in die Ausbeutung ukrainischer Arbeiter BuzzFeed News bereits berichtet hat. „Ich weiß nicht mehr genau, was ich ihm gesagt habe. Es ging darum, dass ich fahre, das Gespräch war hitzig“, sagt Andrij. Alex habe ihn gedrängt zu bleiben. Die anderen Männer hätten ihn wegbringen müssen, damit es nicht zu einer Prügelei komme.

BuzzFeed News hat Alexander Alekseev mit den Schilderungen und Vorwürfen von Andrij im Detail konfrontiert. Alekseev hat auf die entsprechende Email nicht geantwortet.

Andrij schafft es, Hamburg zu verlassen. Er nimmt sein restliches Geld und fährt nach Stuttgart. Dort arbeitet er noch bis November 2019 illegal. Die Miete in Dnipro, erzählt er, koste 5000 Griwna, umgerechnet etwa 150 Euro. Seine Frau aber verdiene nur rund 4000 Griwna, obwohl sie in der Forschung arbeitet. Auch Andrij hat studiert, ist eigentlich Sportlehrer. Trotzdem habe das Geld nicht gereicht.

Die Verzweiflung von Menschen wie Andrij und Ali Saledinov ist offenbar das Geschäftsmodell von kriminellen Vermittlern und Arbeitsagenturen wie der „Individual Euro Group“.